Holacracy ist ein Management-Framework für Selbstorganisation: Eine Verfassung regelt Rollen, Kreise und Verfahren, damit Entscheidungsmacht geteilt und trotzdem verbindlich bleibt.
Holacracy ist ein Management-Framework, das Organisationen nach einer gemeinsamen Verfassung steuert: Arbeit wird in Rollen beschrieben, Rollen werden in Kreisen zusammengefasst, und Veränderungen der Struktur entstehen in einem formalisierten Governance-Verfahren. Anpassungen sind damit nicht Folge von Machtkämpfen oder Zurufen, sondern von Regeln, die für alle Beteiligten gleich gelten.
Weitere Bezeichnungen: Holokratie · Holakratie
Auf einen Blick
Offizieller Name
Holacracy
Kategorie
Management-Framework für Selbstmanagement
Regelwerk
Holacracy Constitution, Version 5.0
Grundstruktur
Rollen in Kreisen mit gewählten Rollenverantwortlichen
Kernverfahren
Governance-Meeting und Tactical-Meeting
Rechteinhaber
HolacracyOne (Holacracy ist eine eingetragene Marke)
Welches Problem dieser Ansatz adressiert
Strukturen ändern sich langsamer als die Arbeit
Wenn Zuständigkeiten nur bei Umbauten oder Personalwechseln angepasst werden, arbeiten Organisationen regelmäßig mit Beschreibungen, die nicht mehr zur tatsächlichen Arbeit passen. Holacracy trennt die Veränderung der Struktur von der operativen Arbeit und macht sie zu einem eigenen, regelmäßigen Verfahren.
Delegation ohne klare Grenzen
Verantwortung wird häufig übertragen, ohne Entscheidungsspielraum mitzugeben. Rollen beschreiben in Holacracy sowohl den Zweck als auch den Handlungsrahmen, sodass Delegation nicht in Rückfragen endet.
Prinzipien
Rollen statt Stellen
Jede Rolle hat einen Zweck und Verantwortlichkeiten, die sich unabhängig von der Person ändern lassen. Personen können mehrere Rollen halten; eine Rolle kann neu zugeschnitten werden, ohne dass ein Stellenplan angepasst werden muss.
Geteilte Macht mit klaren Regeln
Entscheidungsbefugnis wird über die Verfassung verteilt. Rollen handeln eigenständig innerhalb ihres Rahmens, ohne für jede Entscheidung Zustimmung von oben einzuholen.
Governance ist ein eigenes Verfahren
Strukturänderungen laufen in einem definierten Governance-Prozess, in dem Vorschläge und Einwände nach festen Schritten bearbeitet werden. Alltagsentscheidungen und Strukturdebatten bleiben dadurch getrennt.
Transparenz als Pflicht
Die Verfassung beschreibt Pflichten wie Transparenz, Bearbeitung von Anfragen und Priorisierung. Erwartungen an Zusammenarbeit werden damit explizit statt kulturell vorausgesetzt.
Wie der Ansatz funktioniert
01
Rollen definieren und besetzen
Zu Beginn wird das Arbeitsfeld in Rollen mit Zweck und Verantwortlichkeiten zerlegt. Rollen werden besetzt und können später im Governance-Verfahren verändert werden.
02
Kreise bilden
Rollen werden in Kreisen gebündelt, die einen gemeinsamen Zweck verfolgen. Kreise können eigene Unterkreise bilden, wobei die Verfassung für alle Ebenen dieselben Regeln anwendet.
03
Operative Arbeit im Tactical-Meeting
Im Tactical-Meeting werden operative Themen, Abhängigkeiten und Hindernisse bearbeitet. Es ist vom Governance-Verfahren getrennt und dient der laufenden Arbeit.
04
Struktur im Governance-Meeting anpassen
Im Governance-Meeting werden Rollen, Richtlinien und Zuständigkeiten geändert. Der Ablauf ist schrittweise geregelt: Vorschlag, Verständnisfragen, Reaktionen, Einwände, Integration.
Passt – und passt weniger
Passt, wenn
Organisationen, die Selbstorganisation einführen wollen und dafür ein verbindliches Regelwerk statt kultureller Appelle brauchen
Wachsende Unternehmen, in denen Delegation an unklaren Zuständigkeiten scheitert
Organisationen mit hoher Veränderungsdynamik, in denen Rollen sich regelmäßig anpassen müssen
Führungsteams, die Entscheidungsmacht teilen wollen, ohne Steuerungsfähigkeit zu verlieren
Passt weniger, wenn
Organisationen, die keine verbindlichen Spielregeln akzeptieren wollen
Situationen, in denen die Einführung als kurzfristiges Projekt ohne Lernphase geplant wird
Umgebungen, in denen Rollenausschnitte juristisch oder tariflich fixiert sind und nicht angepasst werden können
Kleine Teams ohne echten Strukturänderungsbedarf
Typischer Einführungspfad
01
Grundlagen verstehen
Verfassung, Rollenlogik und die beiden Meeting-Formate kennenlernen, bevor Struktur verändert wird.
02
Pilotkreis mit Begleitung
Einen Kreis auswählen, Rollen definieren und die Verfahren mit professioneller Begleitung praktizieren, bis sie verlässlich laufen.
03
Regelkontakt herstellen
Die Verfassung als verbindliche Grundlage einführen und klären, wie sie mit bestehenden Führungs-, Betriebsrats- und Arbeitsstrukturen zusammenspielt.
04
Ausrollen und nachjustieren
Weitere Kreise anschließen, Rollenverantwortliche ausbilden und die Praxis regelmäßig überprüfen.
Dr. Martin Althaus ist als Berater für Strategie und Organisationsentwicklung in Dresden tätig und unterstützt Unternehmen unter anderem in den Branchen Banking, Versicherung und Technologie.