Soziokratie ist ein Entscheidungs- und Organisationsmodell, bei dem eine Organisation ihre Entscheidungen in Kreisen trifft und Beschlüsse im Konsent fasst: Ein Vorschlag gilt, solange niemand einen schwerwiegenden, begründeten Einwand vorbringt. Entscheidungsbefugnisse sind an Rollen und Kreise gebunden statt an einzelne Hierarchieebenen, sodass Entscheidungen nachvollziehbarer werden und breiter mitgetragen sind.
Weitere Bezeichnungen: Sociocracy · Soziokratische Kreisorganisationsmethode
Auf einen Blick
Internationaler Name
Sociocracy
Entscheidungsprinzip
Konsent – kein schwerwiegender begründeter Einwand
In gewachsenen Organisationen laufen Entscheidungen häufig über einzelne Führungskräfte oder ein kleines Gremium. Dadurch entstehen Wartezeiten, informelle Machtstrukturen und eine Beteiligung, die von der Verfügbarkeit einzelner Personen abhängt.
Beteiligung und Tempo werden gegeneinander ausgespielt
Konsensverfahren wirken langsam, rein hierarchische Entscheidungen schnell, aber schlecht getragen. Soziokratie setzt dazwischen an: Entscheidungen bleiben zügig, weil ein Einwand begründet und bearbeitet werden muss, statt alle Meinungen zu einer gemeinsamen Position zu verschmelzen.
Prinzipien
Konsent statt Konsens
Entscheidungen müssen nicht von allen befürwortet werden. Sie gelten, solange niemand einen schwerwiegenden Einwand vorbringt. Zustimmung wird damit von aktiver Befürwortung auf die Abwesenheit gravierender Hindernisse umgestellt.
Kreise als Entscheidungseinheiten
Das Entscheidungsrecht liegt dort, wo die Arbeit stattfindet: in Kreisen mit klarem Zweck, Mandat und abgegrenztem Verantwortungsbereich. Übergeordnete Kreise entscheiden nicht an Stelle der untergeordneten.
Rollen statt Personenstellen
Aufgaben werden als Rollen beschrieben und mit Entscheidungsspielraum ausgestattet. Rollen können wechseln oder aufgeteilt werden, ohne dass die Organisation ihre Zuständigkeiten jedes Mal neu verhandeln muss.
Rückkopplung durch Verbindungsrollen
Kreise bleiben verbunden: Über Verbindungsrollen werden Entscheidungen und Rückmeldungen zwischen Ebenen zurückgespielt, damit Erfahrungen aus der Praxis in übergeordnete Entscheidungen einfließen.
Wie der Ansatz funktioniert
01
Kreise und Zweck klären
Am Anfang steht die Frage, welche Entscheidungen künftig wo fallen sollen. Daraus entstehen Kreise mit eindeutigem Zweck, Verantwortungsbereich und einer ersten Rollenbeschreibung.
02
Entscheidungen im Konsent treffen
Vorschläge werden im Kreis vorgestellt, Verständnisfragen geklärt und Einwände gesammelt. Ein Einwand wird nicht wegabgestimmt, sondern geprüft und – wenn er schwerwiegend ist – durch eine Anpassung des Vorschlags entkräftet.
03
Rollen besetzen und überprüfen
Rollen werden für einen definierten Zeitraum besetzt und danach überprüft. So bleibt die Struktur veränderbar, ohne dass jede Anpassung zur Grundsatzdebatte wird.
04
Verbindung und Rückfluss organisieren
Verbindungsrollen tragen Entscheidungen und Rückmeldungen zwischen den Kreisen. Ohne diesen Rückfluss entsteht eine Gruppe von Kleinstorganisationen statt einer zusammenhängenden Organisation.
Passt – und passt weniger
Passt, wenn
Organisationen, in denen Entscheidungen aktuell an einzelnen Personen hängen und dadurch langsam oder intransparent werden
Verbände, Genossenschaften und Netzwerke mit vielen gleichberechtigten Mitgliedern oder Standorten
Vorhaben, bei denen Beteiligung und Umsetzungsgeschwindigkeit gleichzeitig gefordert sind
Organisationen, die Rollen klarer beschreiben wollen, ohne eine neue Führungsebene einzuziehen
Passt weniger, wenn
Situationen mit akuter Krise, in denen kurzfristig eine einzelne Entscheidungsinstanz handlungsfähig bleiben muss
Organisationen, die eine vorgegebene Struktur unverändert durchsetzen wollen
Teams, die weniger ein Entscheidungsverfahren als eine Konfliktklärung brauchen
Umgebungen ohne Bereitschaft, Entscheidungen zu dokumentieren und Rollen regelmäßig zu überprüfen
Typischer Einführungspfad
01
Erkundung
Zweck, Entscheidungswege und Schmerzpunkte aufnehmen und festhalten, welche Entscheidungen künftig dezentral fallen sollen und welche nicht.
02
Pilotkreis
Einen Kreis mit echtem Entscheidungsbedarf auswählen, Rollen klären, Konsentverfahren einführen und über mehrere Zyklen begleiten.
03
Ausweitung
Weitere Kreise anschließen, Verbindungsrollen besetzen und die Struktur am tatsächlichen Entscheidungsfluss ausrichten statt am Organigramm.
04
Überprüfung
Nach festgelegten Intervallen prüfen, ob Rollen, Kreiszuschnitte und Verfahren tragen. Anpassungen erfolgen wiederum im Konsent.
Brigitta Buomberger leitet die SoziokratieArt GmbH im schweizerischen Wolfhalden. Als Certified Sociocracy Expert (CSE) unterstützt sie Organisationen in den Bereichen Beratung, Coaching und Moderation.
Florian Bauernfeind ist als Certified Sociocracy Expert (CSE) tätig und arbeitet mit en:tribe aus Wien und dem östlichen Österreich. Seine Arbeit umfasst Beratung, Coaching, Moderation und Training auf Basis von Soziokratie.
Jeannine Brutschin ist Certified Sociocracy Expert (CSE) und arbeitet über Prinzip4 in der Schweiz. Sie verbindet soziokratische Prinzipien mit systemischer Organisationsentwicklung und weiteren passenden Methoden.
Suzanne Käser ist Certified Sociocracy Expert (CSE) und arbeitet mit der gleichwert gmbh von Luzern aus. Sie bietet Beratung und Coaching auf Basis von Soziokratie an.